Direkt zum Hauptbereich

Ephemere


DIVERSITAS DELECTAT!

Heute war wunderbares Herbstwetter, während wir durch die weitläufigen Parkanlagen abseits der Hauptwege unter den strengen, geradlinigen  Baumreihen gingen. In der Ferne stiegen schon langsam die Nebel über dem Wasser auf und vermischten sich mit dem Dämmerlicht des zu Ende gehenden Tages. Die Füße raschelten sich durch die herabgefallenen bunten Blätterhaufen, die ich manchmal absichtlich aufsuchte, was ich mir erlaubte, da ich heute meine HighHeels trug, so daß ich mir bei dem kleinen kindlichen Spiel gegen das Aufkommen von novemberlicher Tristesse keine feuchten Füße holte. Es war das vertraute Geräusch aus den Kindertagen, das ich dabei hören wollte.

Dorians Füße knirschten im Kies und er fragte mich, ob er sich dabei seine Ledersohlen ruinieren würde, was ich ihm nur bestätigen konnte, da ich sein Problem auch oft teile.

Unser Fußweg durch die weitläufige Parklandschaft war sua sponte und zog sich wider Erwarten in die Länge, so daß uns beim Gehen allmählich kalt wurde. Der fein gestrickte Kaschmirrollkragen von Dorian war zu dünn, um der herbstlichen Kühle des Nordens ausreichend Widerstand zu bieten und der helle Trenchcoat ohne Winterfutter war zu leicht, trotz des Jacketts,das er darunter trug.

Mir waren die kalten, grauen Herbsttage nördlich der Alpen noch sehr vertraut und ich wußte was mich erwarten würde als mir meine soubrette das kleine Gepäck für die amouröse Reise packte. Sie fragte mich noch, ob ich sie nicht lieber wegen der absehbar niedrigen Temperaturen eines meiner Complets einpacken sollte. Aber ich erwiderte ihr, ob sie sich vorstellen könnte, welches Bild ich abgeben würde zu einem Dinner und dem damit verbundenen plaisir des sens im Anzug zu erscheinen, noch dazu in solch glanzvollen, historischen Räumlichkeiten, in denen die Damen von einst im Reifrock lustwandelten?

Daher hatte ich mich für mein tief schwarzes Kleid mit passendem Mantel entschieden, das für mich Eleganz mit entspanntem Charme ausstrahlt und gut dorthin passen würde. Aber trotz der, wie mir scheint, lebhaften Erinnerungen an den kalt feuchten Herbst im Norden, bin ich jedes Mal dann doch überrascht die klamme Kühle an genau jenem sensiblen Stück zwischen Mantelsaum und Schuh, das nur fein bedeckt ist, besonders intensiv zu empfinden.

Vielleicht hätten wir uns doch den anderen anschließen sollen? Sie hatten eine Kutsche gemietet und fuhren damit zum Schlösschen, dieser zauberhaften Stätte innerhalb des ausgedehnten Parks gelegen, das für besondere Anlässe anzumieten war, nebst Personal. 

Mich erinnerte unser Fußweg dorthin an meine Kindheit, die ich in München mit häufigen Besuchen im Nymphenburgerpark verbracht hatte. Diese herrlichen, sonnigen Tage, an welchen die üppig verzierten Laternen auf den Brüstungen der Balkone des Schlosses so golden glänzten und sich die ganze Welt gezähmter Natur, die der streng gegliederten Parkanlage, vor mir ausbreitete, wie sich große und kleine Hoffnungen raumfordernd ohne Begrenzung einfach in die Zukunft ausdehnten.

Im Nymphenburger Park konnte man sich ja mit einer leisen Spur von Verwegenheit und phantasievoller Selbstheroisierung in Versaille verorten, nicht zuletzt wegen der zahlreichen römischen Götterstatuen, die einen in eine andere Welt entführten, nur schon, wenn man an die Göttin Diana denkt, deren berühmtes Vorbild in Versaille steht.

Die Göttin der Jagd, die in sich die Elemente der griechischen Göttinnen Artemis und Hekate vereinigt, und für das Lunare - als Gegenpol zu Apollo, dem Solaren - die Geburt und zum Schutz von Frauen und Mädchen zuständig erklärt worden war.

Damals war mir die Bedeutung der Diana Statue weniger gegenwärtig. Als junges Mädchen bewunderte ich diese Statue, die es wagte mit ihren kleinen, festen Brüsten in aller Öffentlichkeit zu posieren. In jenen Tagen, gerade in die Pubertät gekommen, wünschte ich mir eines Tages den Mut zu besitzen mich ebenso zu präsentieren, damit andere Freude daran haben meine Boobs zu sehen. Heute schließt sich der Kreis von meiner früheren, unbewußten Intuition mit den dazugehörigen historischen Gedanken und meinem realen Leben.  

Als Göttin der Frauen und Obstetrik (lat. Geburtshelferin), wurde sie in Kulthandlungen mit Votivgaben wie Vulven und Phalli verehrt und regte im Mittelalter die Kirche zur Verfolgung und äußersten Disziplinierungen ihrer Anhängerinnen an, wie im „De synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis“ zu lesen ist:

„Es darf nicht übergangen werden, daß es gewisse verbrecherische Frauen gibt, die Satan gefolgt sind und, durch Blendwerk und Vorspiegelungen der Dämonen verführt, glauben und bekennen, des Nachts zusammen mit der heidnischen Göttin Diana und einer unzählbaren Menge von Frauen auf gewissen Tieren zu reiten, in der Stille der Nacht große Entfernungen zurückzulegen, die Weisungen der Göttin zu befolgen, als wäre sie die Herrin, und in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst gerufen zu werden.“ Ja, solche Gedanken sind mir sehr vertraut.  Umso mehr schätze ich jene libertinen Kreise, wie jenen, zu dem wir gerade gingen.

Neben dem Bogen für die Jagd wird sie oft mit der Fackel von Hekate, der Gottheit für Scheidewege und Wegkreuzungen, dargestellt. Ich frage mich gerade, ob sie im Nymphenburger Park einen Bogen oder eine Fackel trug?

Na, jedenfalls fühlte ich mich jetzt auf unserem Spaziergang zeitweilig dorthin versetzt, wo ich selbst auch oftmals unterwegs gewesen war und dabei einige Weggabelungen und Abzweigungen genommen hatte, sprichwörtlich und symbolisch.

Spaziergänge in einem Park, diesem kunstvoll geschaffenem Landschaftsraum, sind immer von einer sonderbaren Ungezwungenheit, die einen leicht der alltäglichen Welt entrücken kann und dennoch sind auch an einem solch poetischen Zufluchtsort die Jagd nach Schönheit, die Naturbeherrschung und die Suche nach dem Einklang mit der Natur allgegenwärtig - das begleitet uns wohl immer und ist Teil der conditio humana.

Vorbei an Schwänen, die auf den akkurat gepflegten Rasenflächen mit geneigtem Hals und orangen Schnabel im Restgrün nach Eßbarem pickten, fragte mich Dorian, ob ich gewußt hätte, daß man früher auch Schwäne auf der Speisekarte hatte.

Mir fiel ein, daß es in der Carmina Burana, in der der gleichnamigen Vertonung von Carl Orff, ein Lied über einen am Spieß gebratenen Schwan gibt, bekannt als Cignus ustus antat: 

„Olim lacus colueram 
olim pulcher extiteram,
dum cignus ego fueram.“ 

„Früher schwamm ich auf einem See,
da war ich schön
und ich war ein Schwan.“

So lenkten wir uns durch Lachen und gegenseitige Erheiterungen ab, und versuchten uns über die unangenehme Kälte hinwegzusetzen, die uns, je länger je mehr, befiel und der wir durch schnelleres Gehen zu entkommen versuchten.

Schließlich erreichten wir unser Ziel: das kleine Schlößchen, dessen Namen, wie Sie sicher verstehen werden, ich hier nicht nennen kann. Nur soviel: wir waren in Süddeutschland und standen vor dem entrée. Die reich verzierte Fassade, die in der Abendsonne in einem milden Rosa strahlte, bestimmte das ansprechende Flair des gesamten Vorplatzes, den wir jedoch von der klammen Kühle getrieben und in erwartungsvoller Vorfreude gerne zügig hinter uns ließen und nach zahlreichen Treppenstufen, vorbei am Pagen, das kleine Schloß betraten.

Dorian hatte mich angerufen und gefragt, ob ich heute Abend auf dem kleinen Fest, das gegeben wurde, seine dame de plaisir sein wolle, worüber ich nicht lange nachdenken mußte, da ich ihn mag und sehr schätze.

Dorian ist bemerkenswert: er ist einer der wenigen Menschen, der es versteht gute Geschichten zu erzählen; ich höre ihm gerne dabei zu und, wenn es manchmal auch etwas zeitintensiv wird, spricht er immer amüsant und tiefsinning. In seiner ihm eigenen Sensibilität liebt er es weit auseinander liegende Sachverhalte zusammenzuführen, die dann einen völlig neuen Blickwinkel auf einen Gedankengegenstand bewirken, woraus sich seine Kreativität speist. Die damit verbundene Radikalität sich auf´s Wichtige zu konzentrieren, braucht er für seine selbsttransparente Lebensweise. Wegen der damit verbundenen Wahrheitsliebe macht ihn das sicherlich für manchen Zeitgenossen zu einem unbequemen Begleiter, was er aber mit seiner sprezzatura geschickt abzumildern versteht. 

Er war mir in all den Jahren ein zuverlässiger Gast und ist mir inzwischen ein lieber Freund geworden, der mit seinen interessanten Gedanken unseren Kontakt erfrischend jung hält, und damit die sich darin begründende Freundschaft vertieft. 

Auf dem Fest wären nicht nur kulinarische Freuden zu erwarten und so würde er es gerne sehen, wenn wir als Paar mit unserem ésprit das gesellschaftliche Ereignis erweitern würden.

Brendan, der Gastgeber, hatte Dorian gegenüber Andeutungen gemacht, daß die bescheidene Zusammenkunft zum 20 jährigen Jubiläum seiner Firma BB-Swiss in den außergewöhnlichen Räumlichkeiten, wohlgemerkt einem Jagdschlößchen - wie hintersinning - nicht nur ein privates Zusammensein seiner vertrautesten Freunde sei, um mit ihnen seine Festfreude zu teilen, sondern auch ausgewählte Damen der Lust dazu eingeladen wären. 

So würden also mein lieber Freund, Dorian und ich, überraschenderweise einen Abend sinnlicher Weltaneignung verbringen. 

Als uns der Page durch das hell erleuchtete Vestibül führte, dachte ich wie reizvoll es damals gewesen sein muß, als es wenigstens der Adel verstand sich stilvoll zu verwöhnen, mit so einem Geschenk - einem maison de plaisance - für die auserwählte Dame des Herzens oder der Vernunft, die Beziehung anzubahnen oder zu festigen.

Gerne sagte ich Dorian zu ihn zu begleiten, da es mir äußerst reizvoll erschien mich an so einem Ort von zeitloser Schönheit, angefüllt mit bedeutungsvoller Vergangenheit, aufzuhalten, in der auch meine Anwesenheit ihre entsprechende Honorierung erfahren würde.

Am Ende des mit einem großen Teppich ausgelegten Vorraumes, vorbei an Gemälden, die von einer Ahnengalerie erzählten und im Licht des großen Lüsters erstrahlten, vor einer großen geschlossenen Türe, legte Dorian einem weiteren Diener unaufgefordert sein Handy auf das von ihm eigens dafür bereitgehaltene Silbertableau.

Für ein privates Zusammentreffen des engsten Freundeskreises von Brendan, das nicht nur eine Assemblée für den Austausch von Freundlichkeiten war, sondern auch von delikaten Information, die diskret übermittelt werden wollten, war ein privatissimo erforderlich. Abwartend sah mich der Bedienstete mit strengem, aufforderndem Blick an, wohl in Erwartung es meinem Begleiter gleich zu tun.

Es war eine amüsanter Wunsch, dem ich zum einen mit einem Lächeln nachkam, und zum weiteren konnte ich ihn beruhigen, indem ich ihm sagte, daß ich seinem Wunsch nicht nachkommen könnte, da ich kein Handy besitzen würde, was sein zunächst eisernes Gesicht zu einem von Unglaubwürdigkeit untermaltem Erstaunen veränderte.

Als wir den weiträumigen Spiegelsaal betraten, saß man bereits an der weiß gedeckten Tafel. Die Dimensionen des Raumes und der Tafelrunde waren glanzvoll, üppig und von einer angenehmen Großzügigkeit, die einen die neue sozialistische Welt da Draußen, in Deutschland, umgehend vergessen ließ. 

Freudig nahm ich einige der zahlreichen Damen zur Kenntnis, von denen mir einige bekannt waren, die auf den überall im Raum stehenden kleinen Rokoko Sesselchen saßen, unterhalb der großen Spiegel und an den Fenstern, stehts bereit für die eine oder andere gewünschte Handreichung, die es im Verlauf des Abends zu erfüllen gab.

In ihrem kleinen, hochgeschlossenen Schwarzen mit weißem Kragen, sahen die Damen adrett gekleidet aus, deren Besonderheit erst beim zweiten Blick auffiel, nämlich einer diskreten Knopfleiste, die geöffnet, ihre darunter liegenden Brüste zeigen konnte - ganz im Stil des ehrenwerten Hauses - mit vergoldeten Brustknospen.

Die versammelten Herren waren dem festlichen Anlaß gemäß im dunklen Anzug oder geschmackvoll zweifarbig in Jackett mit fein fließender Anzughose gekleidet, wie Dorian. 

Wir waren offensichtlich etwas zu spät, da wir den Raum in dem Moment betraten als Brandon, der Gastgeber, gerade eine kleine festliche Ansprache hielt, in der er seine Gäste aus der Finanz - und Lustwelt willkommen hieß.

Außer Dorian, den ich als special guest begleiten durfte, war nur noch ein weiterer Herr mit einer Dame an seiner Seite neben sich am Tisch; die anderen Herren hatten sich wohl für die bestellten Damen der Lust frei gehalten.

Brendan bekundete seine Freude darüber, daß sie alle, trotz der vollen Terminpläne, die Zeit gefunden hätten heute Abend mit ihm an dem außergewöhnlichen Ort zusammenzusein. Außerdem hoffe er die Räumlichkeiten und die Speisenfolge des heutigen Abends würden für sie nicht nur ein ephemerer Augen - und Gaumengenuß sein, sondern auch den Appetit auf weitere Freuden anregen, geschäftlich wie körperlich, der möglichst anhaltend wirken möge und wollte das wohl auch als Aufforderung für ein unerschrockenes Vorgehen im geschäftlichen Bereich verstanden wissen.

Während die Bediensteten damit beschäftigt waren die Maronencremesuppe aufzutragen, begann Neil seinen Toast auf Brendans erfolgreiche unternehmerische Tätigkeit auszusprechen und seine B-B-swiss Gesellschaft hochleben lassen, die einer ungewöhnlichen Tätigkeit nachgeht, jener Mischung aus modernen Arbeitsabläufen wie dem Handel moderner Geldanlagen an internationalen Kapitalmärkten, verbunden mit einem Kodex, der dem Mittelalter entlehnt ist und zu Diskretion, wie Loyalität verpflichtet.

Im Anschluß an die lobende Festrede, meinte Kraig lapidar wie provozierend, daß wir heute abend lieber nicht von jenen Investitionen sprechen wollten, die man kurz gesagt als Felhlinvestionen betrachten müßte, in welchen sich also das Verhältnis zwischen täglich gefordertem Aufwand und der als Möglichkeit bestehender Vorteile sich in ein Maß verschoben hätten, daß deren Engagement sie unattraktiv machten.

Brandons vielsagendes Lächeln dazu war Antwort genug; er hatte jene Phase, in der andere einige bedeutungsvolle Verluste hatten hinnehmen müssen, erfolgreich überstanden.
Dorian konnte dem gefälligen Beifall nur wenig abgewinnen, er war hier, rein beruflich bedingt, der Außenseiter, ein Exot unter all den Geldmenschen. Ihm war die Kultur näher als das Geld und als Inhaber eines kleinen Kunstschlößchens, das er mit gastronomischer Unterstützung zu einem dauerhaften Kulturereignis in Österreich ausgebaut hatte, lebte er als Kunstmaler mehr an seinem zweiten Wohnsitz, an der Côte d´Azur, in seinen elysischen Gefilden als Libertin, wo er dem Licht des Südens erlegen, sich von der weiblichen Schönheit ernährte und seine Aktmalerei betrieb.

Die Tischgespräche verfolgend, war ich wieder ganz von der Tradition der käuflichen Diskretion fasziniert, der sich die ehrenwerte Herrenrunde verschrieben hatte, um die Probleme der Wohlhabenden zu lösen. Eine Tradition welche mir, in meiner Tätigkeit, ebenso sehr vertraut ist.

Ich wußte ja um die Jahrhunderte alte Tätigkeit der Vermögens & Gutsverwaltung, die heute gerne als Leitung der Family Offices bezeichnet wird, deren Aufgabe es bereits im Mittelalter gewesen war den Reichtum des adligen Besitzers in dessen Abwesenheit zu verteidigen. Man sprach in diesem Zusammenhang von Wealth Defense. So ein Treuhänder hatte dafür Sorge dafür zu tragen Land und Gut für seinen Herrn bis seiner Rückkehr aufrechtzuerhalten. Diese Übereinkunft bekundeten sie sogar unter Eid in der Öffentlichkeit. Für mich ist die Tätigkeit, der einer cortigiana, nicht unähnlich, wenn man die Adaption an die Neuzeit bedenkt: jeweils eine klassisch moderne, wie zeitlose Tätigkeit verbunden mit einem mittelalterlichem Kodex, dem der Diskretion. In vertraulichen Gesprächen mit dem einen oder anderen der Anwesenden fand ich stets eine Bestätigung dieser gedanklichen Parallele. Vielleicht, so dachte ich mir, würde es ja später noch Gelegenheit geben mich darüber mit Dorian ausführlicher zu unterhalten.

Rund um den großen Tisch tauschte man lebhaft Standpunkte zum Geld - das pro und contra von Bargeld und Bargeldabschaffung - aus, während kleine, bunte petits fours mit Kaffee von den attraktiven Bediensteten den Herren persönlich an ihren Platz serviert wurden. Eine wunderbare Gelegenheit für jeden der Herren schon eine innerliche Vorauswahl zu treffen, welchen schönen Körper er nach dem Dessert für´s intimere Vergnügen erwählen wollte. Manchem von ihnen schien der Gedanke ins Gesicht geschrieben.


Während Brandon Jacob, seinem einstigen Studienkollegen und heutigen Mitstreiter derselben Branche zuhörte, der sich Mathias Binswangers Standpunkt anschloß „Bargeld ist die einzige Form von Geld, die uns vor der totalen Überwachung bei sämtlichen Zahlungsvorgängen schützt.“, schien er eine gewisse Sympathie zu zeigen für eine auffallend rotblonde, hochgewachsene Frau mit heller Haut und Sommersprossen im Gesicht, die bereits einen Teil ihrer zauberhaften Lebendigkeit an die kommende Blässe des Winters abgegeben hatten und im Schimmer der Beleuchtung in einem leicht bräunlichem Teint erschienen.

Zwischenzeitlich hatten einige Bedienstete die schweren, saphierblauen Samtvorhänge zugezogen, um uns Blicken von Außen zu entziehen. Damit erhielt der Raum eine andere Qualität von Intimität als bisher, die durch die zahlreichen Kristallkronleuchter ins richtige Licht gesetzt wurde. Sie entfalteten erst jetzt vor den ruhigen Farbflächen besonders offensichtlich ihr Lichtspiel und verstärkten die feine, filigrane Atmosphäre.  

Brandon schien so ein sylphidenhafter Frauentyp anzusprechen. Ich war neugierig zu sehen, wie sie sich ihm später ein wenig zugeneigter zeigen würde, ob sie sich nur entkleiden oder welchen seiner Wünsche, von denen ich im Moment noch keine Vorstellung hatte, sie erfüllen würde.

Der augenblickliche Erzähler, Jacob, unterstrich seine Ansicht unter Bezugnahme auf einen Artikel aus der NZZ, in dem die derzeitigen Bestrebungen zur Bargeldabschaffung, ausgehend von den USA, als pure Meinungsmache ohne wissenschaftliches Fundament entlarvt und vom „Segen des Bargeldes“ gesprochen wurde.

Mich etwas irritiert fühlend, da Brandon, den Anschein vermittelte, als folgte er dem interessantem Gespräch nur mit halbem Ohr, sah ich, daß im selben Moment die rotblonde Dame mit dem hellen Teint an ihm vorüberging; man rief sie, wenn ich mich recht erinnere, Clarice. Vielleicht war es ihre dezente Geste, das Streifen ihres Kleides an seinem Ärmel, oder ihr Duft, der erneut Brandons Aufmerksamkeit erweckte, so daß er ganz in den Bann ihres Körperhauches gezogen wurde, den sie in ihrer aparten Gehweise, quasi im Vorrübergehen, ausgelöst hatte, welchen er genußvoll, wie betört einsog, was sein Interesse für das Gesprochene weiter schmälerte.

Unterbrochen wurde die Szenerie von einer netten Anekdote, die Jevon über den unorthodoxen deutschen Ökonom, Silvio Gesell, der vor 100 Jahren den Gedanken vom Schwundgeld aufgebracht hatte: Geldscheine müßten regelmäßig durch Wertmarken, die man kaufen und aufkleben konnte, erneuert werden. Die Idee dahinter sei ganz einfach: Wenn Bargeld an Wert verlöre, könnte es nicht einfach gehortet werden. Das sei der Vorläufer unserer heutigen Negativzinsen, wie Jevon lakonisch feststellte, mit denen ja jeder der am Tisch Sitzenden auf seine Art zu ringen hatte, nur schon wegen der Höhe der Vermögen, die in ihrer Obhut lagen.

Die Blicke unseres Gastgebers wanderten unruhig zwischen Clarice, der sommersprossigen Schönheit und jener Dame, deren lange, mittelbraune Haare auf dem Rücken bis fast zum Po auflagen. Während der schokoladenbraune Kaffee elegant aus dem Silberkännchen floß, blickte sie ihn mit ihren dunklen Augen unverhüllt an, lächelte einladend und erkundigte sich danach, ob sie ihm noch weitere petit fours bringen solle, was eine erste willkommene Gelegenheit war ihre Stimme und klangvolle Sprechweise in angenehmem Hochdeutsch zu hören, auf das Brandon ähnlich entzückt reagierte wie auf  Clarice´s Duft, nur ließ er sich dieses Mal auf die angebotene Konversation ein und versuchte sie mit seinem Charme zu vertiefen. Schweizer lieben, wie ich mir einmal sagen ließ, langsam gesprochenes Deutsch. Das hätte für sie dieselbe Anziehungskraft wie für uns eine Französin, die deutsch spricht.

Aber vielleicht war er ja auch nur in einem gewissen beunruhigtem Hormonstand angesichts der erotisierenden Eindrücke in den exquisiten Räumlichkeiten mit den Düften, die den Blumenbouquets -  in den Farben von leidenschaftlichem Weiß und Gold das Ambiente betonend - und jenen, die den Speisen entströmten und sich dann in der aufsteigenden Wärme, mit Kerzenwachs und Zigarrenrauch mischten.

Die visuell anregende Atmosphäre von bekleideten bis zuweilen zwischenzeitlich nahezu nackten Frauenkörpern, im  kleinen Schwarzen, oder jenen lediglich im Dessous Bekleideten, in hellblau, creme und gold, bis zu den Damen der Lust, die nur noch stockings und HighHeels trugen und damit ihre vergoldeten Brustknospen auf die eleganteste Weise inszenierten. Daraus gestalteten sich flirrende Aufnahmen im goldumrahmten Spiegelwerk, vervielfachten sich Anblicke, Ausblicke und Imaginationen, deren strenger Kontrapunkt die Herren bildeten, die skulpturengleich, in sich ruhend, in dunklen Anzügen in ihren verzierten von Leichtigkeit getragenen Stühlen saßen.

Versonnen an meinem Tisch die Szenerie beobachtend gesellte sich Kraig mit seiner Tischdame zu Dorian und mir, um uns einander formell vorzustellen. Sie trug ein Kostüm in einem subtil kalibiriertem Grau, dessen Besonderheit seine Kostümjacke war, deren üppiger, leicht welliger Reverskragen bis zu den Schultern reichte, und ihr Dekolette mit den beiden rundlichen Brüsten wie für ein Gemälde ins Werk setzte. Ich freute mich auf eine spätere Vertiefung unserer Begegnung, die wir bei dieser Gelrgenheit verabredet hatten.

Brandons Unruhe, nervös den Teelöffel auf dem Tisch tanzen lassend, war amüsant zu beobachten, bis er die Tafelrunde bat sich zu erheben, um mit ihm die formloseren Sitzgelegenheiten aufzusuchen, wie um sich selbst von einer inneren Spannung durch Bewegung zu befreien.

So löste sich Gesellschaft an der Tafel nach und nach auf und man wechselte für den entspannenden Übergang zum sinnlich, erotischen Teil des Abends zu den im Raum stehenden hellblau-gold schimmernden Chaiselonges.

Kaffe, Wein, Champagner, gerne auch härtere Getränke, ebenso Zigarren wurden von den Damen mit einer Auswahl an exotischen und indigenen Früchten angeboten. Der Jahreszeit zum Trotz waren die aromatischen, roten Erdbeeren, deren Rot nahezu in einem weißen Schokoladenüberzug verschwunden war, eine der begehrtesten Lustbarkeiten, insbesonders dann, wenn eine der Damen sie zuerst mit ihrem Nektar befeuchtet hatte, um sie dann auf einem kleinen, weißen Tellerchen Nymphenburger Porzellans dem Herrn zu überreichen.


Eine blonde Dame, Nöi, nur in HighHeels und stockings saß auf einem der gepolsterten Rokokostühlchen und bot den Gästen Martinis an, die großen Anklang fanden. Sie hatte ein stilvolles Angebot, das es dem Herrn gestattete eine erste Verkostung an ihren zarten Knospen vornehmen zu können, die sie zuvor langsam, mit Bedacht ins Martiniglas eintauchte und ihm solchermaßen befeuchtet entgegenstreckte. Manchmal lösten sich dabei kleine Flitter des Blattgoldes von ihrer Brustspitze und schwammen sanft auf der klaren Flüssigkeit.

Eine weitere Hostess, die bisher durch ihre adäquaten Umgangsformen aufgefallen war, dunkelhaarig mit straff zu einem Knoten zusammen gebundenen Haaren, hatte sich komplett von ihrer Dienstmädchenkleidung getrennt und war pure visuelle Stimulation. Sie stand da in einer Haltung wie im Ballettsaal, mit leicht geöffneten Lippen in entspannter Gelassenheit, das Spiel von Haltung und Freiheit zelebrierend.

In ihrer Strenge und Zurückhaltung, ihren wohlgeformten Maßen und der ausstrahlenden Ruhe, definierte sie den Raum, indem sich ihre Präsenz in den sie umgebenden Spiegeln vervielfachte, wie auch der mokkafarbene Braunton ihres Körpers einen glanzvollen Kontrapunkt zur lichtblau-goldenen Üppigkeit bildete, wodurch sie zu einer atmenden Skulptur wurde, einem Solitär.

Ein gesucht, gefundener Anblick für Dorian, der inzwischen auch seinen Stuhl mit  einem der Chaiselongues getauscht hatte und genießerisch eine Zigarre rauchte, deren Ende er zuvor bei einer der Damen in ihrem feuchten Schoß benetzt hatte.

Von Herrn Oakes, einem Freund von Dorian und Gast aus den USA, wußte ich, daß so ein exquisiter Genuß, das Befeuchten einer Zigarre in einer Vagina, in den USA nicht als sexuelle Handlung gilt. Da mag mancher sofort an Bill Clinton denken, über den in den Lewinksy Protokollen zu lesen war: „Dann schob der Präsident eine Zigarre in Frau Lewinskys Vagina, nahm die Zigarre anschließend in den Mund und sagte: „Das schmeckt gut.“ Kurz gesagt wurde daraus ein „Clinton dip“. Präsident oder nicht, Mr. Clinton, wie vermutlich einige andere Amerikaner, haben offensichtlich eine wenig ausgeprägte Vorstellung von europäischer Kultur, von der geradezu zeremoniellen Art eine Zigarre zu verfeinern.

Mit Freude hatte ich zugesehen, als Dorian Beatrice, die ihn mit ihrer schlanken Figur und dem mittelblondem, schulterlangem Haar weit überragte, um diesen Service gebeten hatte; hierfür hatte sie forsch einen Fuß auf die prall gepolsterte Sitzfläche eines der Rokoko Sesselchen gestellt, so daß sich der Absatz sichtbar tief hineinbohrte, den dunklen Kleidersaum ein Stückchen nach oben geschoben, wobei die breite Spitze ihrer Stockings zum Vorschein kam, hatte die dargebotene Zigarre von einem genüßlichem Lächeln begleitet, zwischen ihre Schenkel geführt und sie eine Weile gedreht bis sie ihm die dunkelbraune Blattrolle auf einem Silberteller mit ihrem feucht glänzendem Ende wieder übergab. 

Dorian nahm wieder neben mir Platz während ich ihm beim Anzünden der Zigarre zusah, das er aufwendig zelebrierte und auf eigenartige Weise die stimulierende Fortsetzung der vorausgegangenen Veredelung war: das verfeinerte Kopfende zwischen den Lippen drehte er mehrmals die Zigarre über der stehenden Flamme, bis der gewünschte Aschering zu sehen war und nahm dann einen ersten genußvollen Zug, um danach seinen Blick in den Raum auf die dunkelhaarige lebendige Skulptur zu richten und sie im aufsteigendem Nebel seines Rauchs versonnen zu genießen.

In Anbetracht der kleinen, sinnlichen Zeremonie, war es fast ein wenig unpassend, daß ich meine Zigarette mit meinem Dupont Feuerzeug, einem Geschenk von Francis, entzündete und ich mit meinem Glas Wein, der bei dem Licht im Kristallglas rubinrot funkelte, nicht die Sitzhaltung einnahm wie jene Herren, die bereits mehr im Chaiselongue liegend sich auf sensible Weise verwöhnen ließen, was der Dame des Augenblicks ebenfalls einen besonderen Genuß per os verschaffte, der auch in manchem Gesicht abzulesen war.

Andere wiederum genossen still ihre voyeuristische Seite, wollten sich vorerst nicht aktiv auf eine der Damen einlassen und ließen ihre Augen von einer Lustbarkeit zur anderen wandern: die ästhetischen Frauenkörper, manch einer mit Schmuck veredelt, die stilvollen Rokokomöbel, die sich zierlich, golden im Raum verteilten, die Silberteller mit dem farbigem Obst, die auf kleinen Tischchen herumstanden, die zahlreichen Kristallgläser mit all den Flüssigkeiten aus den Früchten der Erde; all das belebte den Raum auf ganz besondere Weise und wurde durch die Spiegelwände vervielfacht, was sich zu einem kunstvollem, nächtlichem Arrangement gestaltete, wo sich tagsüber nur das Grün der Natur in den Spiegelwelten reflektiert.

Eine wundervolle Umgebung, in der sich die Klänge des Klavierquartetts mit jenen Geräuschen der lustvollen Betätigung mischten und dadurch gleichzeitig zu einer zusätzlichen akkustischen Inspirationsquelle wurden.

Mein Augenmerk richtete sich auf Brandon, der sich schließlich, wie zu sehen war, für Clarice, die schöne, rotblonde Frau entschieden hatte und nur wenig entfernt von Dorian und mir saß.

Er schien einer dieser Herren zu sein, der selbst im Privaten von dem Gedanken der Gewinnoptimierung nicht ablassen konnte, denn er wollte sich nicht nur die optische Freude des willkommenen Anblicks, den feinen Duft ihres Körpers oder die reizvollen Berührungen der weichen Haut seiner auserwählten Dame nehmen, sondern diese besonderen Augenblicke auch in aller Selbstverständlichkeit photographisch festhalten.

So konnte ich Brandons Anweisungen hören, die er Clarice gab und mich doch ein wenig an den Stil der Straße erinnerten, ganz im Stil „Sie muß liefern“. Kurz und knapp, ihre Einfühlung und Leidenschaft voraussetzend, erteilte er ihr seine Instruktionen für die Bilder, die es seiner Vorstellung nach festzuhalten galt: mal anständig im kleinen Schwarzen sitzend mit überschlagenen Beinen, mal lasziv nur im cremfarbenen satin glänzendem Dessous & halterlosen Strümpfen auf dem Chaiselongue liegend, schien die Einforderung der unterschiedlichen Posen und ihre Entsprechung seinen Spielraum für Machbarkeitsphantasien zu forcieren. Ja, so führt man offensichtlich erfolgreich ein Geschäft.

Mit seiner Leica bannte er ihren Akt der Hingabe als könnte er damit die sexuelle Faszinationskraft ihres Körpers beherrschen, ähnlich der Einschreibung in Wachstafeln, die den erdachten Gedanken festhalten.

Ich suchte in diesen Momenten der fesselnden Szenerie vergeblich die Ursprungsbedeutung des lateinischen Wortes „fascinare“ und konnte erst im Nachhinein meine Empfindung hierzu, in der Wortbedeutung „verhext“ wiederfinden.

Ja, im Gegensatz zum bisherigen Abend an dem Brandon den gelassenen Gastgeber abgegeben hatte, agierte er wild und ungezügelt, in einem Akt der Loslösung von seinem in der öffentlichen Welt stets bedacht ruhigem und überlegtem Erscheinungsbild, ganz so, als ob die sexuelle Phantasie und Stimulation die im Tagtäglichen manifestierten Grenzen seiner Persönlichkeit lustvoll bloßlegten.

Es war ein faszinierender Anblick, der mir wie ein wollüstiger Kampf der Geschlechter erschien. Brandon, der mit seiner Kamera Clairce auf den Leib rückte und damit seine Bedeutsamkeit erlebte, völlig versunken in die sich aneinander reihenden auslösenden clicks der gefälligen Lust. 

Clarice schien in ihrem Selbstbewußtsein, in die Bestimmung ihres Körper eingewilligt zu haben und präsentierte professionell die Vorzüge ihres schönen Körpers in diesem scheinbar zeitlosem, erotischen Raum, um damit ihr Gegenüber noch mehr zu reizen und anzuspornen.

Als ich Brandon bei seiner Aktivität so zusah, fragte ich mich, ob ihm die Anfertigung der Photos, wenn auch laienhaft, jetzt und später das Gefühl von visueller Verfügbarkeit vermitteln würde, und, ob diese visuelle Verfügbarkeit nicht möglicherweise eine erotische Stimulation in gewissen Bedürfnislagen sein könnte? Abrufbarkeit - Verfügbarkeit - Mächtigkeit - Lust? 

Ich hatte mich wohl ein wenig in der stillen Beobachtung verloren, und Dorian vernachläßigt, was ich erst bemerkte, als er mich sanft berührte und ich wie aus einem Traum aus dieser faszinierenden Szenerie zu erwachen schien.

Er ist ein Gentleman mit einem starken Willen zur Sinnenfreude und hatte inzwischen seinen genüßlichen Blick von der stehenden Skulptur zu den beiden Damen gewechselt, die sich einander zugeneigt auf dem pastellblauen Chaiselongue verwöhnten. Sie verstanden es mit ihren wundervollen Körpern die Anwesenden zu bezaubern, Phantasien zu erwecken und lustvolles Begehren zu schüren, indem sie in ihrer gegenseitigen Stimulation zur visuellen Anregung beitrugen, die Augenblickslust vervollkommneten und authentisch ihre Objektifizierung inszenierten. Ihre Perfektion darin stand der der bisherigen Abendgestaltung in nichts nach.

Dorian und ich teilten die Leidenschaft für den farbenreichen Wechsel der verschiedenen Eindrücke und vielfältigen Sinnesempfindungen: die stehende Wärme, die in den Raum zurückgeworfen Reflektionen des Lichts, die betörenden und stimulierenden Szenen, welche sich in den prächtigen Spiegeln zu vervielfachen schienen und im Zusammenspiel mit dem abendlichem Trink- und Rauchgenuß eine glänzende und eindrucksvolle Parallelwelt von Bildern hervorrief, da immer wieder nur Ausschnitte, der sich im Saal bewegenden Gäste auftauchten und verschwanden, und so zu einer Vervielfältigung der Motive, wie auch optischen Täuschungen beitrugen.

Im Gespräch mit Dorian, dessen erotisierende tiefe Stimme mich immer an die von Leonard Cohen erinnert, und ihre besondere Wirkung bei mir entfaltet, wurden meine meine Phantasie und Empfindungen so sehr beflügelt, daß es mir so vorkam als würde mir das Spiegelkabinett Bilder eines kleinen, privaten Kosmos entgegenwerfen, der sinnbildlich für´s Große steht.

Dabei war die neueste Technologie des 21. Jh. bei einem Diener vor der Türe abgegeben worden, und in den Räumlichkeiten des 16. Jahrhunderts wurden die noch älteren Spiele der Begehrenserfüllung gefeiert. 

Brandon´s Geschäftskonzept von Modernität und empathischem Bezug auf Tradition erschien mir hier für´s Privatvergnügen modifiziert: Die Lüste waren dieselben wie eh und je und die Moderne, repräsentiert in der Technologie der Handies, blieb vor den Türen der historischen Architektur. Symbolisch wurden die kleinformatigen Handypornos dem Volk vor der Türe überlassen. 

Sich der unveränderten Örtlichkeiten der Monarchie zu bedienen adelte ja nicht nur einfach den Gastgeber, sondern implizierte auch verallgemeinert, daß sich das Streben nach beliebigen Objekten - dem Besitz materieller oder geistiger Dinge wie Geld, Erkenntnis, Macht - instrumentell als Streben nach Lust rekonstruieren läßt, was die zurückliegenden festlichen Stunden unverhüllt gezeigt hatten die sich langsam ihrem Ende neigten.

Dabei erhielt der Abend noch eine unerwartete Wendung als Kraig erneut auf uns zukam, der Investmentbanker unter Brandon´s Freunden, einer der wenigen, der nicht selbständig arbeitete, und fragte, ob wir uns nicht zu ihm und seiner kunstsinnigen Abendbegleitung, der Dame im auffallend dezent grauem Kostüm, begeben wollten, dessen Einladung wir gerne nachkamen und uns daraufhin voller Neugier gerne zu den Beiden begaben.

Catherine und ich fanden schnell zueinander. Wir schätzten die Attraktivität der anderen, die sich in manchem kurzen Blickkontakt während des Abends schon angedeutet hatte und nicht unbeantwortet gelieben war. Auch hatten wir gleich ein Thema gefunden, das uns beide interessierte: Mode. Sie war gerade dabei ein Buch über den Wandel der Mode durch die Zeit, beginnend im Mittelalter, zu schreiben und begleite ihre lebhafte Erzählung darüber mit einem häufigen, sympathischen Lachen, das ich als spielerisch leichten Ausdruck einer verfeinerten Lebensart verstand und als sympathische Ergänzung ihrer körperlichen Ausstrahlung empfand.

Derzeit hielt sie sich in Basel auf, wo sie Literaturwissenschaften lehrte. Allein die geographische Nähe und unser ähnliches Selbstverständnis als cortigiana, wie es sich im Laufe des Gesprächs abzeichnete, sowie unser geteiltes Interesse an Literatur, bei ihr professionell vertieft, waren ausreichende Berührungspunkte, um der Unterhaltung, nach einer kurzen Phase des gegenseitigen zurückhaltenden Abtastens, eine stimulierende und abwechslungsreiche Note zu geben. 

Dorian und Kraig waren sich schon einmal in Brandon´s Chalet begegnet, bei einem Aufenthalt in den Bergen zur Wintersaison mit sportlichen Aktivitäten und genüsslicher, alkoholgeschwängerter Ausgelassenheit in den Abendstunden vor dem offenen Kaminfeuer, und hatten auch gleich daran angeknüpft, indem sie ihre vielfältigen Erinnerungen dazu austauschten.

Als wir bemerkten, daß sich nach und nach die Gäste von Brandon verabschiedeten, was oft mit einem längerem, persönlichem Gespräch zwischen den Freunden verbunden war, so daß die allmähliche Auflösung der festlichen Gesellschaft fast zu einem kleinen Hofzeremoniell wurde, reihten wir uns unterhaltsam wartend ein, um uns von unserem Gastgeber zu verabschieden.

Auf dem gemeinsamen Weg zum Hotel stellte sich heraus, daß Kraig und seine Begleitung im selben Hotel eingechecked hatten wie Dorian und ich, und so wollten wir uns, wenn auch schon weit nach Mitternacht, noch in Kraigs Suite treffen und dort eine intime soiree erleben. Angeregt durch die sprühenden Bilder der zurückliegenden Stunden, die nicht ohne inspirierende Auswirkungen auf unsere Stimmung blieben, waren wir alle von einer Lust auf experimentelle Erregung bestimmt. Und entsprechend außergewöhnlich verliefen auch die folgenden Stunden bis fast in den Morgen.

Der nächste Tag begann nach der Morgentoilette mit einem gemeinsamen Frühstück zu viert auf der verglasten Dachgarten Lounge. Es war ein wunderbar sonniger, aber kalter Novembertag - die Nebel lösten sich nur langsam bei der schwachen Sonneneinstrahlung auf und die Aussicht über die Dächer der umliegenden Häuser war berückend, für mich, da noch ein wenig ermüdet von der kurzen Nacht und den nachhaltig sinnlichen Impressionen, fast ein bißchen zu schön.

Im Rückblick war ich froh nicht den Fußweg zurück durch den nachtschwarzen Park mit Dorian gemacht haben zu müssen, sondern zusammen mit den beiden anderen den Kutscher bemüht zu haben.

Dabei dachte ich unwillkürlich an den Anfang der Geschichte, an unseren Weg zu dem kleinen Schloß durch die ästhetische Gartengestaltung mit ihren zahlreichen römischen Götterstatuen, in denen man damals, im 18. Jh., die Richtigkeit der hierarchischen Ordnung als moralischem Grundwert versinnbildlicht sah, worin sich ja gewissermaßen das Bekenntnis zur Monarchie selbst realisierte und finanzierte.

Der der Gestaltung innewohnende hierarchische Narrativ, wird zwar heute auf breiter Ebene medial sanktioniert und soll Gleichheitsforderungen auf breiter Ebene weichen. Der Masse da draußen wird Alexander Rüstow kaum bekannt sein, doch die Mehrheit scheint seiner Devise nachzuhecheln: “ Lieber alle gleich arm, als alle reich; aber einige noch reicher.“

Doch, wie anhand von Brandons Fest zu sehen ist, finden sich immer wieder Wege aristokratische Phantasien, wenn auch geburtsbedingte gesellschaftlich zuerkannte Privilegien reduziert sind, durch sozialen Aufstieg zu verwirklichen.

Ob sich darin die Wiederholung oder Kontinuität der Geschichte zeigen könnte wollte ich jetzt nicht weiter verfolgen. Düfte von ofenwarmen Sternsemmeln und Croissants, willkommene Aromen von frischem Orangensaft und heißem Kaffee nahmen mich für den Augenblick ein und ließen mich einen neuen Tag kosten.

Kommentare